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Österreich, Service 29.10.2018

Die Haken am Smart Meter

  • Foto: tcareob72 / stockphoto.com

Am Smart Meter scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite liefern Netzbetreiber und Stromlieferanten Hymnen an eine neue, digitale Zukunft. Klar: Den Netzbetreibern spart das Gerät Ressourcen, weil es aus der Ferne abgelesen werden kann. Stromlieferanten wiederum hoffen auf gute Geschäfte mit flexiblen Tarifmodellen, bei denen sich der Strompreis je nach Tageszeit ändert.

 

Auf der anderen Seite befürchten Kritiker möglichen Datenmissbrauch und Kontrollverlust für Konsumenten, denn ein Smart Meter zeichnet den Verbrauch eines Haushalts im 15-Minuten-Takt auf und überträgt die Daten an den Netzbetreiber.

 

Warum plötzlich neue Zähler?
In einem Stromnetz kann zwar Energie transportiert, aber nicht gespeichert werden. Damit das Netz stabil bleibt, muss jene Menge an elektrischer Leistung produziert werden, die auch abgenommen wird. In passiven Netzen geschieht dies im Prinzip durch die Veränderung der Leistung eines zentralen Kraftwerks. Um neue, dezentrale und in ihrer Leistung unregelmäßige Stromerzeuger wie Windkraft- oder Photovoltaikanlagen integrieren zu können, wird das bislang rein passive Netz zu einem »intelligenten Netz« (»Smart Grid«) ausgebaut. Dieses ermöglicht es im Idealfall, Stromquellen zu- oder wegzuschalten und gleichzeitig Angebot und Verbrauch zu decken. Genau hier, beim Verbrauch, kommt der Smart Meter ins Spiel. Während die alten, mechanischen Ferraris-Zähler für Netzbetreiber nur bei einer manuellen Ablesung Verbrauchsdaten lieferten, sind die neuen, digitalen Zähler in der Lage, jederzeit Daten zu senden oder zu empfangen.

 

Ob ein solches Smart Grid nun aber wirklich die exakten Verbrauchsdaten jedes einzelnen braucht, ist umstritten. »Ein Kritikpunkt am Smart Meter war, dass der einzelne Kunde für den Netzbetreiber gar nicht so wichtig ist – sondern eine Region, die hinsichtlich Einspeisung und Entnahme im Gleichgewicht bleibt«, erklärt MVÖ-Expertin Nadja Shah. »Dazu braucht es nicht bei jedem Kunden einen Zähler, sondern eine Art Regionszähler. In Deutschland hat man so eine Lösung gewählt. Dort gibt es für die exakten Daten größere Einheiten.«

 

Österreichische Lösung
In Österreich wird bereits fleißig getauscht. Rund 5,5 Millionen Zähler werden nach und nach zu Smart Metern – ein Prozess, der in der Fachsprache »Roll-out« genannt wird. Im Burgen-land, in Kärnten und in Oberösterreich ist das Rollout schon in Gang, die meisten anderen Bundesländer starten mit Jahresbeginn 2019. Allein in Wien sollen bis Ende 2022 1,6 Millionen Haushalte mit digitalen Zählern ausgestattet sein.

 

Um einerseits die EU-Vorgaben und die Wünsche der Netzbetreiber zu erfüllen, andererseits aber auch die Bedenken der Kritiker (darunter die Mietervereinigung) zu berücksichtigen, gibt es nun eine klassisch österreichische Lösung: Kunden, die keinen Smart Meter wollen, können diesen ablehnen (»Opt-Out«). Eingebaut würde er aber trotzdem, auch gesetzlich würde er als Smart Meter gelten.

 

Wie das geht? Der Netzbetreiber installiert einen Smart Meter, bei dem bestimmte Funktionen, wie etwa die Auslesung des Stromverbrauchs im 15-Minuten-Takt, per Software deaktiviert werden.

 

»Der Haken daran ist, dass ich als Konsument darauf vertrauen muss, dass der Netzbetreiber diese Funktionen wirklich deaktiviert. Ich selbst kann es nicht machen, und auf dem Gerät kann ich als Kunde nicht er-kennen, ob diese Funktionen ausgeschaltet sind oder nicht«, sagt Shah. »Eine ideale Lösung wäre, dass ich als Kunde auf einen Knopf am Gerät drücken kann, um dessen smarte Funktionen auszuschalten.«

 

Smart Meter ablehnen?

Auf der MVÖ-Webseite findet sich im Downloadbereich ein Musterbrief, mithilfe dessen man dem jeweiligen Netzbetreiber die Ablehnung eines Smart Meter mitteilen kann. »Ich kann die Funktionalität ablehnen, aber das Gerät selbst nicht«, erklärt Shah. »Der Zähler ist Eigentum des Netzbetreibers, als Kunde kann ich nicht darüber verfügen.«

 

Ein Mieter, der in eine Wohnung zieht, die bereits mit einem Smart Meter ausgestattet ist, kann sich Angaben der Regulierungsbehörde E-Control zufolge nachträglich für ein Opt-Out entscheiden – auch der umgekehrte Weg, also ein »Opt-In«, ist möglich.

In Wien rechnet man übrigens mit einer höheren Opt-Out-Rate als in den Bundesländern, wo sie zwischen 1 und 2 Prozent liegt. In der Bundeshauptstadt wird es auch drei Smart-Meter-Varianten geben: Opt-In (Messung im 15-Minuten-Takt, Übermittlung täglich), Standard (Tagesverbrauch wird einmal pro Tag übermittelt) und Opt-Out (Verbrauch wird einmal pro Jahr gemessen und gesendet).

 

Vorsicht beim Tarif
»Als Kunde wird man bei der Tarifwahl achtsam sein müssen«, rät Shah, »weil das Risiko besteht, dass sich im Lauf der Zeit ein Großteil aller Tarife auf flexible Komponenten gründet und diese Wahl dann einen smarten Smartmeter praktisch voraussetzt.« Also ein Smart Meter durch die Hintertür? »Ja, das ist möglich. Hier sind die Konsumentenschützer gefordert, ein Auge auf die Tarifgestaltung der Stromanbieter zu haben.«

 

Rechtlicher Hintergrund
2009 beschloss das Europäische Parlament auf Drängen der Kommission das sogenannte »3. Binnenmarktpaket« mit dem Ziel einer Liberalisierung der Strom- und Gasmärkte und einer Trennung von Energie-Netz und -Produktion. In einer EU-Richtlinie dieses Pakets wird die Einführung von »intelligenten Messsystemen« (=»Smart Meter«) gefordert. Bis 2020 sollen 80 Prozent der Verbraucher mit einem solchen Smart Meter ausgestattet werden.

 

Eine EU-Richtlinie muss erst von den nationalen Parlamenten in innerstaatliche Gesetze umgewandelt werden. In Österreich wollte man die von der EU vorgegebenen Ziele anfangs übererfüllen und legte fest, dass bis Ende 2019 95 Prozent der Verbraucher einen Smart Meter erhalten sollten. Im Dezember 2017 schraubte man die ehrgeizigen Vorgaben zurück. Nun sollen bis 2020 80 Prozent und bis Ende 2022 95 Prozent aller Haushalte in Österreich mit einem Smart Meter ausgestattet sein.

 

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